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Rufe in der horchenden Nacht – das Michael Wollny Trio am 11.11.2019 in Darmstadt

Ein tastender, zögerlicher Choral, sparsam hingetupfte, genau mit dem Piano abgestimmte Basstöne, die Andeutung eines hintergründigen Grooves. Dann das feine Sirren pulsierender Becken – so erscheint die Göttin der Morgenröte „Aurora“ aus dem mystischen Björk-Song zu Beginn dieses Konzertabends. Ein ganz eigener Ton ist gesetzt: eine elegische, herb-romantische Musik, die unablässig von einem subkutanen feinen Pulsieren vorangetrieben wird.

Klaviertrios gibt es ja unzählige im Jazz, aber nur ganz wenige schaffen es, aus der spartanischen Formel Schlagzeug-Bass-Klavier einen wiedererkennbaren Sound zu formen und ein eigenes Profil zu entwickeln. Das Trio von Michael Wollny, das am Montagabend in der Darmstädter Centralstation zu Gast ist, demonstriert auch an diesem Abend, dass es unbedingt zu dieser raren Spezies zu zählen ist.

Der einundvierzigjährige Pianist hat das zuletzt mit den zeitgleich veröffentlichten Alben „Oslo“ und „Wartburg“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Sein Spiel nimmt Anleihen bei der romantischen Musiktradition, verschmilzt Popästhetik und Rockbeats mit Jazz-Freiheiten. Und das Trio bietet dies alles mit einer vertrackten rhythmischen Energie dar, die scheinbar mühelos im Kollektiv zelebriert wird.

Zusammen mit seinen langjährigen Weggefährten dem Berliner Eric Schaefer am Schlagzeug und dem Schweizer Christian Weber am Kontrabass, führt der Pianist das Publikum im vollbesetzten Saal der Centralstation auf eine anderthalbstündige Klangreise. Das Trio beginnt mit der ätherischen Björk-Hymne, schüttelt in „Phlegma Phighter“ unser Rhythmusgefühl mit nervös aufgebrochenen und immer neu variierten Rockgrooves durcheinander, spinnt dann den Faden mit einer Hindemith-Paraphrase („Rufe in der horchenden Nacht“) modernistisch weiter, um uns schließlich in hypnotischen, schwer dahinrollenden Endlosschleifen zu einer kollektiven Klimax zu führen. Klangsensibel und experimentierfreudig steuert Christian Weber immer neue Bass-Sounds zum Geschehen bei. Und Eric Schaefers Schlagzeugspiel gelingt es mühelos, die Zeit zu dehnen und zu stauchen ohne dabei den allgegenwärtigen Grundpuls dieser Musik zu vernachlässigen. Manchmal werden augenzwinkernd gar klassische Jazzgefilde gestreift, Monk und Miles schauen kurz vorbei. Natürlich sind die Musiker mit allen Jazz-Wassern gewaschen. Doch im Wollny Trio sind nicht mehr mitreißende Jazz-Soli die Hauptsache und auch nicht die kollektive Improvisation mit ungewissem Ausgang. Vielmehr geht es hier um die Darbietung einer der abendländischen Musik verpflichteten und ans kollektive Pop-Gedächtnis angeschlossenen durchgestalteten Ästhetik. So entgeht diese Band manchem abgestandenen Jazzklischee. Der ein oder andere Zuhörer würde sich andererseits vielleicht weniger Geplantes und mehr Mut zu ungezügelter Lebendigkeit und Offenheit im Spielprozess wünschen. Die allermeisten im Saal, die am Montag schließlich zwei Zugaben erzwingen, vermissen nichts und sind zurecht von der atmosphärisch dichten Performance dieses Abends restlos begeistert.

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Freiheit & Ekstase: David Murray mit neuem Trio

David Murray (Tenorsax) mit Ingebrigt Håker Flåten (Bass) und Paal Nilssen-Love (Drums) am 16. Oktober 2019 in Rüsselsheim

Die drei kommen sofort zur Sache. Gerade haben sie ihren Platz an Schlagzeug, Bass und Saxophon eingenommen, ein kurzer Blick noch in die Runde, schon geht es los: Ohne Vorwarnung bricht sich an diesem Mittwoch ein Gewittersturm Bahn, wie man ihn nicht alle Tage auf der Hinterbühne des Rüsselsheimer Theaters erlebt.

Aus dem Stand entfesselt die amerikanische Tenorsax-Legende David Murray zusammen mit der aus Norwegen stammenden Rhythmus-Gruppe einen glühenden Energiestrom, der die Zuschauer im vollbesetzten Auditorium unmittelbar mitreißt. Das Schlagzeug von Paal Nilssen-Love donnert, rollt und grollt über die tiefen Trommeln und seine dunkel schwingenden Becken. Unermüdlich schlägt Ingebrigt Håker Flåten mit wuchtigen Basslinien Schneisen in den wuchernden Klangdschungel. Die beiden produzieren einen wilden, doch deutlich konturierten Lavastrom, auf dem heiser flüsternd, dunkel hauchend und grell kreischend das Tenorsaxophon von David Murray segelt. Scheinbar mühelos und ohne je das Instrument absetzen zu müssen, entlockt er dem Horn bald tief brodelnde, bald heiser vibrierende Klänge, die immer wieder ins ewige Eis der höchsten Obertöne vorstoßen.

Gerade fragt man sich atemlos, wie es auf diesem Level über ein ganzes Konzert hinweg weitergehen soll, da hat Murray sein Statement doch noch unterbrochen und überlässt es nun den Mitstreitern, den Fluss der Musik lebendig zu halten. Aus dem Duo schält sich ein Bass-Solo, dann eines für den Drummer heraus. Beinahe meditative Augenblicke entstehen, konzentriert, klar und mit eigenständiger Stimme tönen die Instrumente durch den Saal. Da nimmt das Saxophon wieder den Faden auf und leitet über in die Ballade „You make me feel like a natural woman“ – den Carole King Song, den Aretha Franklin berühmt gemacht hat. Ohne je den Respekt vor der Struktur zu verlieren, stauchen und verdichten sie das Material und interpolieren freie Passagen. Murrays Ton ist jetzt verbindlich, erfüllt von der großen Tenorsaxophon-Tradition. Nicht nur wilde Neuerer wie Albert Ayler sondern auch klassische Stilisten wie Ben Webster sind plötzlich anwesend, dann auch die heißen gospel- und bluesgetränkten Soulstimmen der sechziger Jahre.

Der 1955 geborene David Murray hat zweifellos selbst einen Beitrag zur Geschichte des Tenorsaxophon-Spiels geleistet. 150 CDs belegen seine ungeheure Produktivität. Seine Bandbreite reicht von Cecil Taylor bis Gregory Porter. Nun sieht es aus, als habe er nach einer Karrierephase, in der er vielleicht etwas seinen Weg aus den Augen verloren hat, durch die Tour mit einem der heißesten Rhythmus-Gespanne, die Europa zu bieten hat, neue Orientierung und Inspiration gefunden. Håker Flåten und Nilssen-Love sind beide eine Generation jünger und gehören einer jungen skandinavischen Szene an, die im direkten Anschluss an den Free Jazz der sechziger Jahre und in bewusster Abkehr von der ECM-Ästhetik einen ganz anderen nordischen Stil etabliert hat. Sie entfalten ein Energie-Level, dem man nicht widerstehen kann. Eine ideale Grundlage für die Höhenflüge des Saxophonisten.

Wir erleben beglückende anderthalb Stunden mit einer Musik, die ekstatisch und frei ist und dabei doch Melodie und Rhythmus nicht verschmäht. Davon zeugt auch die hingebungsvoll zelebrierte Endlosschleife über dem Vamp im abschließenden Kalypso, die in immer neuen Wendungen das Konzert zum Höhe-und Schlusspunkt führt. Als Zugaben-Schmankerl gibt es dann noch eine aberwitzig virtuose Demonstration in Zirkularatmung auf den Nachhauseweg – schnell, zupackend und bündig – so endet der Abend mit der gleichen Entschiedenheit, mit der er begonnen hat.

Eingebaute Renitenz und gebändigte Extase – Christopher Dell zum 50. Geburtstag

Zu seinem 50. Geburtstag begeistert Christopher Dell am 7.11.2015 in seiner Heimatstadt mit einem Doppelkonzert seiner beiden aktuellen Trios und der Saxophonlegende Evan Parker.

Auf der Leinwand im Saal der Darmstädter Centralstation sieht man Christopher Dell, wie er 2008 alleine mit seinem Vibraphon auf den Straßen von Kalkutta spielt und dabei mit irritierten und interessierten Passanten und Straßenhändlern ins Gespräch kommt. Dell, der mit Woogswasser getauft ist und die ersten fünf Lebensjahre in Kalkutta verbracht hat, zählt heute nicht nur zu den weltweit bedeutendsten Vibraphonisten, sondern hat auch den Jazz auf ein Reflexionsniveau gehoben, das in der Welt der improvisierten Musik ohne Beispiel ist. Mit Performances an ungewöhnlichen Orten greift Dell immer wieder mit seiner Musik ins urbane Geschehen ein. Er versteht Improvisation auch als gesellschaftliches Handlungsmodell, mit dem städtische Räume neu interpretiert werden können. Um solch einen Weg abseits der ausgetretenen Pfade einzuschlagen, braucht es einigen Eigensinn. Den verdanke Dell, wie er an diesem Abend erklärt, dem „Prinzip Darmstadt“, nämlich einer „eingebauten Renitenz“, die der Schüler des Georg-Büchner-Gymnasiums mit der Muttermilch aufgesogen habe, in der Begegnung mit Büchner und dem Datterich. Und natürlich ist Darmstadt als Mekka der Neuen Musik eine Inspirationsquelle für Dell, der seit 1998 im Trio DRA mit Christian Ramond am Bass und Felix Astor am Schlagzeug kontinuierlich an einer Musik arbeitet, die einen eigenen Weg zwischen zeitgenössischer Komposition und Jazzimprovisation geht. Dieses Trio bestreitet mit seinem neuen Programm „3rd Critique“ den ersten Teil des Abends. Der Titel verweist auf Kants „Kritik der Urteilskraft“ – und deutet damit an, dass es DRA um nichts weniger geht, als um die philosophische Vermittlung von Verstand und sinnlicher Empfindung. Während im Jazz normalerweise über relativ einfache Formen komplex improvisiert wird, geht DRA den umgekehrten Weg. Sich überlagernde und ständig verändernde Rhythmen sind auskomponiert zu hochkomplexen Stücken, die wie Laborversuche nur mit Nummern betitelt sind. Höchste Konzentration ist notwendig, um diesen Drahtseilakt auf ständig schwankendem Boden durchzustehen: die Musiker zählen ständig leise ihre Patterns mit, um nicht aus der Form zu fallen. Alles ist im Fluss, ein permanentes Changieren von Struktur, Rhythmusgefühl und Tempo – dann plötzlich ein Ruhepunkt, ein kurzes Tremolo, ein rhythmisches Unisono. Schließlich entfaltet sich über eine ostinate Figur eine intensive Improvisation: eine in der Form gebändigte Extase.

Wir haben als Zuhörer die Wahl, uns dem Strom der Ereignisse, dem reinen Klang des Vibraphons hinzugeben oder die ständig wechselnden und parallelen Metren und Tempi als permanenten Spannungszustand genussvoll auszuhalten. Unser Verstand ist planvoll überfordert. Man könnte meinen, eine solche Musik müsse abstrakt und blutleer bleiben. Aber hier kommt die sinnliche Empfindung ins Spiel. Es ist nicht nur die körperlich fühlbare Hochspannung, mit der die Musiker arbeiten. Es sind auch die hintergründigen Bezüge zur Jazztradition, melodische Wendungen, die bei aller Zwölftönigkeit doch an Monk und gar an die rhythmische Energie eines Lionel Hampton denken lassen. Hier sind Vollblutjazzer am Werk, die über die ganze Tradition verfügen. Spätestens im zweiten Teil des Abends besteht darüber kein Zweifel mehr. Ging es bei DRA um Bewegung, die aus der Form entsteht, so zeigt das zweite Trio mit Petter Eldh am Bass und Christian Lillinger am Schlagzeug, wie Form aus der Bewegung erwächst. Mit schier überbordender Energie entwickelt sich eine lange, expressive Improvisation, die Dell durch Einfügen komponierter Abschnitte strukturiert. So dicht interagiert das Trio mit den jüngeren Kollegen, dass es dem Stargast des Abends, Evan Parker am Tenorsaxophon, seit Jahrzehnten einer der bedeutendsten Protagonisten des europäischen freien Jazz, schwerfällt, seine Rolle im Ganzen zu finden. Seine mäandernden Linien mit Zirkularatmung kommen am besten in den offenen, lyrischen Momenten im Duo mit dem Vibraphonisten zur Geltung. Hier spürt man den Respekt, den Christopher Dell bei diesem Geburtstagskonzert einem großen Meister des freien Spiels entgegenbringt. Nach über zwei Stunden spendet ein aufmerksames und begeistertes Publikum, darunter zahlreiche Stammhörer und Weggefährten, ausdauernden Applaus.

Mittelmeer-Jazz aus der Synagoge – Omer Klein Trio in Darmstadt

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Wie ein Springteufelchen hopst der Mann, der sonst brav am Klavier sitzt, über die Bühne der Centralstation, schlägt enthusiastisch auf seine Handtrommel und feuert den Schlagzeuger Amir Bresler bei einem ekstatisch mit rockigen Offbeats dahinrollenden Solo an. Müssen wir uns so die sephardische Gottesdienstmusik in der libyschen Synagoge in Netanya, die Omer Klein als Kind mit seinem aus Tripolis stammenden Großvater besucht hat, vorstellen?

Nordafrikanische jüdische Musik, arabische Melismen und die rhythmische Kraft, die allen Musikkulturen rund ums Mittelmeer eigen ist, sind jedenfalls die Quellen, aus denen der siebenundzwanzigjährige Pianist seine Musik schöpft. Nach Studienjahren in Boston hat sich Omer Klein in den letzten Jahren, auch von Deutschland aus, den Ruf einer neuen und eigenständigen Stimme am Jazzpiano erspielt.

Zum dritten Mal beehrte Klein am 17. Mai 2019 mit seinen bewährten Wegbegleitern Haggai Cohen-Milo am Kontrabass und Amir Bresler am Schlagzeug die Darmstädter Centralstation, um sein neuestes Album „Radio Mediterran“ vorzustellen. Der Name ist Programm – Kleins Musik ist eine Art Sender, dessen Playlist mit Titeln wie „Tripoli“, „Protest“ oder „Sofia Baby“, von nordafrikanischen, türkischen oder bulgarischen Einflüssen gespeist wird, wie der sympathische Pianist gerne dem Publikum erläutert. Das Bekenntnis zu den persönlichen Wurzeln in der west-östlichen Kultur des Mittelmeerraums ist die Stärke dieses Klaviertrios. Die sangliche, dabei rhythmisch vertrackte Melodik der arabischen Musik, die ja ohne harmonische Bewegung auskommt, nutzt der Jazz-Komponist Omer Klein zu immer neuen modalen Verschiebungen, zur Auskleidung von kleinen Melodiefragmenten mit manchmal impressionistischen Klangfarben. Darunter liefert ein ostinates Bassmotiv die rhythmische Energie, aus der tanzbare Drum-Grooves in beinhartem Viervierteltakt entwickelt werden. Synthesizer-Einsätze erweitern bisweilen den Klavier- und Bass-Sound und sollen dem rhythmischen Profil zusätzlich Druck verleihen.

Bei aller Spontaneität sind die Abläufe doch streng durchgearbeitet, streben die Stücke oft der rhythmischen Klimax zu und gehen dann mit einem Schlagzeugsolo bündig zu ende. So eine Musik wäre nicht denkbar ohne die Errungenschaften, mit denen Esbjörn Svensson vor 20 Jahren das Klaviertrio im Jazz erneuerte und die Renaissance eines Formats einleitete, das sich überlebt zu haben schien.

Aber die Omer-Klein-Band kann auch swingen. Nach einem Abend voller rockiger Rhythmen, bei der zweiten Zugabe, die sich eine überschaubare, aber begeisterte Zuhörerschar im Stehen erklatscht, zeigen die drei Israelis ganz lässig mit der in Höllentempo heruntergejazzten Cole-Porter-Nummer „What ist this thing called love?“, dass die Auffassung des Klaviertrios, die Omer Klein an diesem Abend zelebriert, auch tief in der amerikanischen Jazz-Tradition wurzelt. Dazu einen persönlichen Beitrag geliefert und den Jazz mit den musikalischen Heimatdialekten ihrer Herkunft überformt zu haben, ist nicht das geringste Verdienst der drei virtuosen Musiker, deren kindliche Spielfreude in jedem Augenblick dieser hochprofessionell dargebotenen Performance unmittelbar erlebbar bleibt.

Jazz ist immer politisch? Musikmachen im Zeitalter des Raubtierkapitalismus

POSITIONEN! Jazz und Politik

Forscher- und Musiker/innen improvisieren über die Bedeutung von Politik im Jazz beim Darmstädter Jazzforum (3.-5. Oktober 2019)

„Was ist schon braunes Gedankengut, wenn es so lecker schmecken tut?“

Brigade Futur III

Sanft und zynisch, böse und verführerisch, so säuselt Elia Rediger, der stimmgewaltige Sänger vom Musikerkollektiv Brigade Futur III, seine giftigen Hymnen an Europa, den Neoliberalismus, das Smartphone oder den Genuss von brauner Schokolade ins Mikrofon. Die Musik wiegt uns gemütlich mit ein paar schlagerselig swingenden Walzertakten in Sicherheit, nur um unversehens mit wuchtig hämmernden Bläser-Cluster in aggressive schwere Grooves umzuschlagen, über die Florian Kästner am Keyboard einen schrillen Klangteppich aus nervösem Gezwitscher webt. Ein ausdrucksstarkes Solo aus Richard Kochs gestopfter Trompete entführt uns für Augenblicke in die Welt einer Duke-Ellington-Bigband, bevor die Klarinette von Benjamin Weidekamp mit mikrotonalen Brechungen und avancierten Klangeffekten den ganzen Orchesterapparat in die zeitgenössische Gegenwart katapultiert. Alles endet hoffnungsvoll mit einer Hymne auf das Futur – hier ist das Jazz-Publikum sogar gefordert, seine Schamgrenze zu überwinden und mitzusingen – in einer ekstatischen kollektiven Klimax mit einem schonungslosen Free-Jazz-Solo alter Schule, bei dem der Spielleiter Weidekamp diesmal zum Altsax greift.

Nach drei Tagen intensiver Diskussionen und engagierter Vorträge, nach diversen Performances und sogar einem Kinofilm, zeigen die Musiker der Brigade Futur III und der Spielvereinigung Sued in der Bessunger Knabenschule am Samstagabend ganz praktisch, wie das geht: ein Jazz, der politisch sein will, der eine Haltung zur Gegenwart zeigt und der explizit – wenn auch stets mit ironisch gebrochenem Habitus – sein Publikum zur Aktivität, zum politischen Handeln aufruft. Den Musikern aus Berlin und Leipzig geht es darum, in einem historischen Augenblick, den sie als krisenhaft erleben, Stellung zu beziehen, ihre Öffentlichkeit zu nutzen und ihre Kunst bewusst in den Dienst der Weltrettung zu stellen. Ihr radikal aktualisierter Eisler- oder Brecht/Weil-Sound knüpft an die hinterhältig sanfte Song-Agitation der zwanziger Jahre an. Nicht absolute Musik, die ausschließlich von ästhetisch begründeten Entscheidungen abhängt, sondern Gebrauchsmusik, die von ihrem Publikum als politische Handlungsanweisung verstanden werden soll, ist hier das erklärte Ziel.

Die Diskussionen, die am Freitag und Samstag im Kennedyhaus stattfanden, fragten aber auch danach, ob die afroamerikanische Musik nicht schon aufgrund ihrer Geschichte politisch verstanden werden müsse? Ob gar die Art des Zusammenspiels im Jazz ein politisch zu verstehendes Modell für gesellschaftliches Handeln abgeben kann? Und stellen sich die Jazzmusikerinnen in Europa den aktuellen politischen Fragen der Gleichstellung, der Geschlechtergerechtigkeit? Oder wären sie gar bereit, auf die vielen Flugreisen zum nächsten Festival-Gig zu verzichten, um das Klima zu retten?

Mit diesen Fragestellungen legte Wolfram Knauer am Freitagmorgen den Grund für die Diskussionen der beiden nächsten Tage des Symposiums. Dabei wurde auch deutlich, dass der Begriff des Politischen hinterfragt werden muss. Längst muss man nicht nur fortschrittliche Inhalte damit verbinden. Am Beispiel eines antisemitisch grundierten Hip-Hop-Songs von Xavier Naidoo, der auch von der AfD bei Demos als Stimmungsmusik eingesetzt wird, und anhand der Inszenierungen des selbsternannten „Volks-Rock’n’Rollers“ Andreas Gabalier zeigte Mario Dunkel sehr anschaulich, dass auch Musik mit deutlich afroamerikanischen Bezügen nicht davor gefeit ist, vom Populismus vereinnahmt zu werden. Martin Pfleiderer analysierte die Interaktion zwischen den Musikern im Jazz und führte aus, dass sie zwar kein Modell für politische Entscheidungsfindungen abgibt, wohl aber im täglichen Leben und in kleineren Gruppen ein Verfahren sein kann, mit den rasch wechselnden Anforderungen unserer Welt umzugehen.

Ein Panel mit Festivalmacherinnen aus Salzburg, Gütersloh und Berlin sowie dem ZEIT-Journalisten Ulrich Stock, vermittelte Einblicke, in die jazzpolitischen strategischen Überlegungen, wie mit Festivals gesellschaftliche Relevanz erzeugt und neue Hörerschaften erschlossen werden können. Noch näher an die Musik führte die Intervention des Trompeters Nikolaus Neuser und des Posaunisten Florian Juncker, die listig dem Tagungspublikum einen Text, darüber, wie man sich – auf dem Gebiet der Kulinarik – dazu bringt, Neues und Ungewohntes zu goutieren, zur stillen kollektiven Lektüre vorlegten, während sie gleichzeitig eine sensibel austarierte, geräuschhafte Improvisation spielten. Ebenfalls mit Musikbeispielen gespickt war der sehr persönliche Vortrag des Musikers Hans Lüdemann, der seinen Werdegang und seine Erfahrungen mit der politischen Dimension seiner Musik an verschiedenen Lebensstationen beschrieb.

Den Abschluss des zweiten Konferenztages bildete dann das Konzert der in Paris beheimateten internationalen siebenköpfigen Truppe von „Anarchist Republic of Bzzz“ in der Centralstation. Spoken Word-Artist Mike Ladd zelebrierte gemeinsam mit Juice Aleem eine sehr gegenwärtige Rap-Performance, angetrieben von den packenden arabischen Beats von Onur Secke an der Derbouka, dem Thomas Ballarini mit allerlei elektronisch abgenommenen Handtrommeln sekundierte. Brachial und manchmal überraschend zart bearbeitete Fanny Lasfargues ihre akustische Bassgitarre mit Händen, Bürsten und Klöppeln. Die Soundlandschaft grundierte zusätzlich ein Zymbal, eine Art elektrisches Hackbrett, das Nora Mulder bediente. Noisy und punkig, im Vordergrund die E-Gitarre des Leiters Seb El Zin. Alles ist wild und perkussiv, die Nay, – eine persische, an der Kante geblasene Flöte – an die El Zin manchmal wechselt, schafft ein paar sphärische Ruhepunkte, aber dann treibt eine ungeheure, ungeschlachte rhythmische Energie das Ensemble voran, zu den anglophonen Wortkaskaden und heiseren Refrains, deren gewiss politisch brisanten Inhalte dem Publikum leider größtenteils verborgen blieben. Einen Assoziationsraum eröffnete aber die Videoinstallation von Kiki Picasso, die wie eine Graphic Novel eine bunte und absurde Welt von Terroranschlägen, Kriegsszenen, Science Fiction, Muslimen, von Sex-Szenen und Superheldinnen zeichnete. Ungemein tanzbare unmd packende Musk, die ein zahlreiches und junges Publikum verdient hätte.

Mit einem dichten Programm wartete Wolfram Knauer am Samstag auf. Nikolaus Meuser berichtete eingangs von den Anstrengungen, die gesellschaftliche Relevanz des Jazz in Deutschland zu betonen, seine Arbeit in Netzwerken, die Notwendigkeit sich in Zeiten des Populismus zu positionieren und die Schlüsselkompetenz der Improvisation in einer krisenhaften Welt. Auf die sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, den vorherrschenden Hyperindividualismus, die Gefahren des Populismus und die Art, wie sich Jazzmusiker dazu verhalten können, wies in einer brillanten Gesellschaftsanalyse Thomas Krüger hin. Michael Rüsenberg hingegen provozierte, indem er entschieden dem Postulat vom politischen Mehrwert des Jazz eine Absage erteilte und es in den Bereich von Mythisierung und Wunschdenken verwies. Dass er dabei die Musik absolut setzte und den Rezeptionsprozess vernachlässigte, machte die lebhafte Diskussion im Anschluss deutlich.

Wir erlebten über drei Tage eine Vielzahl von anregenden und fundierten Beiträgen, die die verschiedensten Facetten des Tagungsthema beleuchteten. Aus dem Rahmen fiel lediglich das abschließende, als Lecture-Performance angekündigte Roundtable-Gespräch zwischen Angelika Niescier, Tim Isfort, Korhan Ermel und Victoriah Szirmai, das unter Weitscheifigkeit und Richtungslosigkeit litt, die auch nicht durch die durchaus gelungenen musikalischen Interventionen an Saxofon, Elektronik und Kontrabass aufgefangen werden konnten. Michael Rüsenbergs Entscheidung, den Saal vorzeitig unter Protest zu verlassen, konnte man durchaus nachvollziehen.

Einen versöhnlichen Haltepunkt im Tagungsgeschehen vor dem krönenden Abschlußkonzert von Futur III setzte dann aber der im Rexkino gezeigte Dokumentarfilm von Atef Ben Bouzid, über den Festivalmacher Amr Salah, der im Alleingang ein internationales Festival in Kairo auf die Beine gestellt hat. Ben Bouzid sagte beim Gespräch nach der Vorführung, es sei ihm darum gegangen, ein anderes, ungewohntes, positives Bild aus der arabischen Welt zu zeigen. Dass für die Musiker aus diesen Ländern, der Jazz ganz selbstverständlich auch ein Statement mit einer politischen Dimension ist, ließ die engagiert kontroverse und vielleicht auch sehr deutsche Diskussionen über Jazz und Politik nochmals in einem anderen Licht erscheinen.

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