Draufhalten, schwitzen, jubilieren: Christof Thewes in Gondwana-Land

Der Weg zu Christof Thewes führt vorbei an Gondwana – dem mythischen Urkontinent aus der Zeit, als Europa, Asien und Afrika noch eins waren. Gondwana ist heute ein Freizeitpark auf dem großen Schlackenhügel, den die Grube Reden im Herzen des Saarlandes hinterlassen hat – mitten in einer postindustriellen Kulturlandschaft zwischen Völklingen und Neunkirchen. Hoch über uns wuchern Autobahnen auf hohen Stelzen aus Beton durch den Raum: Riesenhafte Dinosaurier aus einem prähistorischen Stahlzeitalter. Die mit schütteren Wäldchen bewachsenen Buckel, über die sich unsere Straße windet, sind begrünte Abraumhalden. Wir durchqueren gesichtslose Ortschaften, die haltlos ineinanderfließen, begrenzt nur von Supermärkten und Gewerbegebieten. In Schiffweiler biegt man links ab und erklimmt einen Hügel, über den sich eine schmale Straße zieht. Eine Grubensiedlung mit einer endlosen Anreihung von Arbeiterhäuschen, manche liebevoll renoviert. In einem davon wohnt der Jazzmusiker, Posaunist, Komponist und Saarländer Christof Thewes mit seiner Familie.

„Diese Gegend ist ein saarländisches Liverpool“ sagt Thewes, eine Landschaft nach dem Ende der industriellen Revolution, vom verschwundenen Bergbau für immer versehrt und geformt: ein seltsam idyllisches Nirgendwo, in dem längst niemand mehr vom Strukturwandel und neuer Arbeit träumt.

Vielleicht nicht der schlechteste Ort für den 1964 im benachbarten Quierschied geborenen Musiker, der seit vielen Jahren seinen eigenen Weg mit der afroamerikanischen Improvisationsmusik geht. Eine Homebase, die von den Umwälzungen der letzten hundert Jahre erzählt und im kulturellen Niemandsland viel kreativen Freiraum bietet. Nicht zufällig heißt das Studio von Martin „Schmiddi“ Schmidt, in dem Thewes seine Aufnahmen produziert, „Spielraum“. Es liegt nur einen Steinwurf von Thewes‘ Häuschen entfernt im Ortsteil Heiligenwald und hat sich mit den Jahren zu einem veritablen kleinen Kulturzentrum entwickelt. Das Plattenlabel Gligg Records hatte (bis zu seiner Insolvenz) hier seinen Sitz und ein paar der profiliertesten Kollegen der freien Jazzszene, von Ulrich Gumpert über Alexander von Schlippenbach bis zu Rudi Mahall, gehen ein und aus. Konzerte, Vorträge, experimentelle Musik werden geboten und dokumentiert, alles getragen von ein paar Enthusiasten und wenigen Sponsoren. Meist verirren sich nur eine Handvoll Zuhörer in dieses Versteck im saarländischen Nirgendwo. Wenn ein Abend 30 oder 40 Besucher hat, halten die Veranstalter den Atem an. Dafür hat Thewes hier bereits 150 Stunden Material professionell aufgenommen und einiges davon über die Jahre veröffentlicht. Kürzlich erschien eine weitere Triple-CD mit den alphabetisch geordneten gesammelten Werken des Posaunisten, die er unter dem Motto „Swing to Punk“ Buchstabe für Buchstabe als sein persönliches Realbook („The Surreal Book“) mit seinem Quartett eingespielt hat. Seine Privatenzyklopädie ist jetzt beim Buchstaben E angekommen.

Das Konzept des Global Village, wie es Peter Kowald entwickelt hat, passt vielleicht besonders gut in diese saarländische Provinz. Urbaner Glanz und Kultur-Schickeria sind unendlich weit weg, aber man kennt sich, das Netzwerk ist engmaschig und Musiker von weither schätzen die guten Arbeitsbedingungen, verbinden gerne bei einem Offdate ein intimes Konzert mit einer Aufnahmesession.

Abseits aller Jazz-Zentren scheint das Saargebiet ein besonders fruchtbarer Boden für Jazz und zeitgenössische Musik zu sein. Der Trompeter Michael Gross, der Schlagwerker und Komponist Dirk Rothbrust, der früh verstorbene Drummer Jochen Krämer – sie gehören alle der Generation Thewes an und wurden im benachbarten Illingen geboren.

Einen bildungsbürgerlichen Hintergrund, der sie zum Künstlertum prädestiniert hätte, sucht man jedenfalls bei der Familie Thewes vergebens. Der Vater war Maurer – aber am Wochenende machte er Tanzmusik – und so standen auch die Brüder Bernd und Christof von klein an mit auf der Bühne, probierten Instrumente aus, erlebten, wie Menschen zur Musik tanzen. Aus dem älteren Bruder Bernd wurde ein Komponist zeitgenössischer Werke, der heute in Mainz lebt. Christof fand mit 12 Jahren zur Posaune, weil im Musikverein die Stelle des zweiten Posaunisten besetzt werden musste, ohne zu ahnen, dass hiermit der Grundstein für sein künftiges Leben als professioneller Musiker gelegt war. Er nahm Unterricht, entdeckte die Grundzüge der Improvisation und das freie Spiel eines Albert Mangelsdorff. Die Freunde hörten die Rockmusik von Frank Zappa und Jimi Hendrix, bei der älteren Schwester lernte er die ersten Jazzplatten kennen. Mit 15 Jahren gründet er schon die erste Band, und das Trio „The Matter of Taste“ mit Herbert Weidemann am Chapman-Stick und Manuel Schwierczek am Schlagzeug spielt nach 35 Jahren noch immer seinen wilden Jazzrock-Mix. Daran hat auch die Karriere des Leaders, der mittlerweile auf Festivals in aller Welt spielt, nichts geändert.

Die ungebremste Musik mit der Energie von Punk und freiem Jazz war von Beginn an für Thewes ein alternativer Lebensentwurf jenseits des gesellschaftlichen Mainstreams und fernab kapitalistischer Produktionszwänge. Mit sechzehn lebte er in einer Musikerkommune. „Musikmachen war für uns kein Beruf, sondern eine ganz organische Angelegenheit.“ Geld war nicht so wichtig, man brauchte ja nicht viel. Das Anti-Programm zum gesellschaftlichen Mainstream der 80er Jahre hieß einfach: „Spaß haben statt Karriere machen!“ Lebensfreundschaften entstanden und Musikprojekte, an denen der Posaunist über Jahrzehnte festgehalten hat: Hartmut Oßwald am Saxofon, Mandolinist Martin Schmidt, der Bassist Jan Oestreich und Gitarrist Thomas Honecker, die Schlagzeuger Dirk-Peter Kölsch und Daniel Prätzlich gehören dazu. Langlebige Bands wie das Undertone Project, Yahoos oder Gutter Music wurden gegründet.

Auch wenn er selbst später als Dozent an der Musikhochschule Saarbrücken arbeitet und für sein Modern Chamber Ensemble im Gestus der zweiten Wiener Schule komponierte Kammermusik schreibt – die Spielhaltung von Thewes ist noch immer strikt anti-akademisch: „Draufhalten und die Leute zum Tanzen bringen!“ lautet sein Credo. Musik ist Arbeit, erfordert Disziplin und Überoutine – und auch manchen Kompromiss, wenn man sein Brot damit verdienen will. Das Entscheidende aber – und was er manchmal bei den jüngeren Kollegen vermisst – ist für ihn die Ekstase, das Schwitzen auf der Bühne: die Unbedingtheit, die Vorbilder wie Coltrane oder Hendrix vorgelebt haben. Die frei improvisierte Musik sei letztlich immer eine elitäre Veranstaltung für wenige, aber sie soll das Publikum mitreißen. Die Leute sollen „Hurra!“ schreien wollen. Musik entsteht während der Performance, in der Kommunikation mit dem Publikum, dem Raum, der konkreten Situation.

Auf seinem Weg ist er Kollegen wie Pianist Christoph Mudrich und Komponist Frank Reinshagen begegnet, die ihm Impulse gaben und ihre Erfahrungen mit dem jungen Musiker teilten. Eine zentrale Figur war für ihn der Darmstädter Bassist Jürgen Wuchner, der den Kontakt zur Berliner Szene, zu Rudi Mahall, Uli Gumpert, Axel Dörner vermittelte. Projekte wie SQUAKK (mit Mahall, Jan Roder und Michael Griener), das Quartetto Pazzo, seine Mitarbeit bei „Die Enttäuschung“ sind daraus hervorgegangen. Im „Ruf der Heimat“ hat er die Stelle des 2016 verstorbenen Johannes Bauer übernommen. Und schließlich der Ritterschlag: die Berufung in Alexander von Schlippenbachs Globe Unity Orchester, dieses Monument der europäischen Jazzgeschichte, in dem seit 50 Jahren und über mehrere Generationen hinweg die Creme der improvisierenden Künstler Europas miteinander am großorchestralen freien Jazz arbeitet.

Nach drei Jahrzehnten Musikerdasein ist Thewes noch immer voller Elan. Profitiert vom Zusammenspiel mit jüngeren Musikern, die mit der gleichen unbedingten Energie auf der Bühne stehen – wie Drummer Martial Frenzel, Bassist Ben Lehmann oder die Saxofonistin Anna Kaluza. Seine aktuellen Projekte reichen von Artrock-Songs mit Phase IV mit Sängerin Sabine Noß bis zu Literaturprogrammen mit dem kosmopolitischen Anti-Heimatschriftsteller Alfred Gulden. Die Mischung aus Bodenständigkeit und Weltläufigkeit macht denn auch die Überzeugungskraft von Thewes‘ Musik aus. Sein Spiel auf der Posaune ist stets direkt und zupackend. Aber auch seine auskomponierten anspruchsvollen Kammermusikprojekte entbehren nicht einer Portion augenzwinkernder Chuzpe. Oft scheint er mit dem proletarischen Charme der saarländischen Provinz zu kokettieren, aber Thewes bleibt sich einfach nur treu. Seine Musik ist noch immer ein gut gelaunter Akt des Widerstands gegen die Allmacht der kapitalistischen Marktlogik. Der letzte der Dinosaurier ist vielleicht die Avantgarde von Übermorgen – und sei es im Gondwana-Park auf dem Schlackenhügel in einer saarländischen Grubensiedlung.

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